Dein Gehirn tut nichts lieber und kann nichts besser als zu Lernen. Warum empfinden wir Lernen trotzdem häufig als schwierig und mühsam? Weil durch das, was wir erlebt haben, was wir tun und wie wir es tun (hier: Lernen) die chemischen Prozesse zwischen den Synapsen in unseren Gehirnen ebenso beeinflusst wurden wie die neuronalen Verknüpfungen.

Die schlechte Nachricht: Das kann uns daran hindern, selbstbestimmt und mit Lust zu lernen.

Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist plastisch. (Fast) alles kann neu verknüpft werden. In jedem Lebensalter!

Urlaub mit Prüfung

Dieses Jahr ging es mit Freunden nach Kroatien zum Segeln. Ich habe den Sportbootführerschein, also bin ich der Skipper. Aber plötzlich sagte der Charterer, ich bräuchte zusätzlich noch ein Funkzeugnis. Sonst bekämen wir keine Charteryacht! Ich musste eine Prüfung machen!!

Was passiert in meinem Hirn?

Während ich also mit dem Charterer spreche, passiert in meinem Gehirn wohl folgendes – meine Lebenserfahrungen zum ‚Lernen‘ und zum ‚Prüfungen bestehen‘ werden wachgerufen, und mit ihnen die dazugehörigen Emotionen, die mit den Erfahrungen gekoppelt sind. Dabei gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten:

  • Entweder habe ich eine Haltung zum Lernen, die eher Neugier, Freude und Begeisterung ermöglicht, oder
  • ich habe eine Haltung, die eher durch Lustlosigkeit, Erwartungsangst und durch das Gefühl nicht genügen zu können geprägt ist.

Der Ort im Gehirn, wo all‘ das geschieht, ist der Präfrontale Cortex. Dieser Präfrontale Cortex ist die einzige Region des Gehirns, die mit allen anderen Regionen verbunden ist: wir bekommen Informationen durch unsere Wahrnehmungen der Außenwelt und aus allen möglichen Ecken des Gehirns, zum Beispiel unserem Langzeitgedächtnis. Im präfrontalen Cortex entstehen aus diesen Informationen wie auf einer Bühne Bilder und Texte. Ich stelle ihn mir als sehr lauten und geschäftigen Ort vor, denn das Gehirn ist dort im ständigen Dialog (oder besser, im ‚Neurolog‘) mit sich selbst. Dabei können aber auch komplett neue Bilder und Texte entstehen! Es ist der Ort, wo unser Bild von uns selbst und von der Welt entsteht und wo völlig neue Dinge entworfen werden.

Mein Gehirn beginnt zu funken

Aber zurück zu meiner Prüfung. Meine Erfahrungen, Wahrnehmungen und Emotionen zum Thema ‚Funkzeugnis‘ werden also im präfrontalen Cortex wie auf einer Bühne abgespielt und mit Text kommentiert.
Meine Lernhaltung, die ich in der Vergangenheit längst entwickelt habe, ist dabei Regisseur.in.

  • Szenario 1: Jeih! Das ist cool! Ich werde Funker!! Das ist ja fast schon wie ein echter Seemann. Mit Geräten spielen und neue Sachen lernen!! Wann geht’s los? Ich kann es gar nicht abwarten die Leute in dem Kurs kennenzulernen. Das wird ein Riesenspaß.
  • Szenario 2: Oh, Mann, wie soll ich das denn schaffen? Ich habe ja noch überhaupt keine Ahnung vom Funken und auch keine Zeit zum Lernen! Wenn ich an die letzte Prüfung (SBF See) denke, dann wird mir ganz anders! Was ist, wenn ich DURCHFALLE? Oder –worst case- wird der ganze Segelurlaub ins Wasser fallen, wenn ich versage?

Tatsächlich gibt es viele Untersuchungen die belegen, dass negativen Haltungen und Gefühle sehr viel schneller entstehen, leichter abgerufen und komplexer verarbeitet werden, sowie länger anhalten. Positive Haltungen und Gefühle sind kurzlebiger in der Wirkung und setzen sich schwerer durch.

Dieses Abspielen und Kommentieren im präfrontalen Cortex kann man messen. Untersuchungen zeigen, dass die Gehirnaktivität dabei so hoch ist, dass Gehirnregionen, die für eine kreativere, von einer tieferen Erkenntnis geleiteten Lösung benötigt werden, quasi im Rauschen untergehen.

Und zusätzlich entsteht eine Wechselwirkung mit dem ‚Stück‘ auf der präfrontalen Bühne und unseren Emotionen: wir sind in der Lage, uns regelrecht in Panik oder Euphorie zu denken! (Hier gilt: Panik ist viel leichter. Und Euphorie kann uns blind für Gefahren machen, also zu selbstschädigendem Verhalten führen.)

Selbstbestimmt geht anders

Wenn ich derart ‚aufgeladen‘ an die Lernsituation herangehe, bin ich nicht selbstbestimmt. Meine Lernstrategien und meine Emotionen sind durch meine Vorprägungen und durch die bisher verdrahteten Verarbeitungsmuster meines Gehirns voreingestellt. Es regiert: mein automatisches Gehirn und ein ,älteres‘ Ich!

Die Entwicklung meines selbstbestimmten Lern-Ichs beginnt damit, meinen Blick auf das zu lenken, was wirklich ist. Um zu sehen, was wirklich ist, helfen mir drei Strategien.

1. Den Kommentar leise drehen, der mein tatsächliches oder beabsichtigtes Handeln beschreibt und bewertet

So verringere ich das Rauschen meines präfrontalen Cortex‘ und verlasse die Bühne, die durch meine Vergangenheit und meine Emotionen gefüllt wird. Ich kann aus tieferen Hirnregionen handlungsleitende Muster erkennen und ableiten, die mehr mit dem zu tun haben was wirklich ist. Und mehr mit dem zu tun haben, wer ich heute tatsächlich bin.

2. Mich auf die Fakten und tatsächlichen Gegebenheiten fokussieren.

Ich brauche den Funkschein, um das Boot zu bekommen. Ich muss dazu eine standardisierte Prüfung bestehen, und brauche vorher Unterricht.
Um als Skipper verantwortlich das Schiff zu führen, darf ich aber nach der Prüfung nicht gleich alles wieder vergessen! Ich muss ein tieferes, abrufbares Verständnis über die Handlungen erlernen, die im Anwendungsfall durchzuführen sind.

3. Dem näher kommen, was gut für mich ist und meine positive Lernhaltung entdecken

Ich bin ein eher introvertierter Mensch, der nicht so gerne in Gruppen lernt und der vor Prüfungssituationen aufgeregt ist. Und ich bin als Introvertierter sehr gründlich in der Vorbereitung, lerne viel und redundant, und muss die Dinge durchdenken, bevor ich sie abrufen kann. Also habe ich mir eine Lernstrategie (AGES) zurechtgelegt und meine Medien ausgewählt:

  • eine App heruntergeladen mit den Prüfungsfragen und –antworten (sehr hilfreich!),
  • ein dickes Buch zum Thema bestellt (leider nicht sehr hilfreich)
  • einen Wochenendkurs besucht, mich auf die Gruppensituation eingestellt (nicht ganz einfach) und selektiv mitgenommen, was ich für die Prüfung brauchte.

Achja, und ich habe mir den Druck herausgenommen, indem ich einen Plan B erstellt habe (Funkprüfung vor Ort mit begrenzter Gültigkeit nur für Kroatien).

Und? Bestanden?

Na klar!

Und danach mit AGES das Gelernte weiter verankert.

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (22. August 2012) – Version 1.1.

Foto: ‚Einhandsegler‘ von kallejipp / photocase.de

Schreibe einen Kommentar