Lernen beginnt mit Verwunderung. Und Frust. Wenn irgendwas unlösbar scheint. Nicht machbar. Sinnlos. Unbekannt. Oder noch besser: Unsinnig! Bei mir geht da irgendwas an. Ich fange dann an. Informationen sammeln, mit Leuten sprechen, zeichnen, schreiben, Modelle aus Pappe bauen oder aus Lego, irgendwas ausprobieren, damit spielen. Ins Museum gehen, Filme schauen. Warten. Laufen. Schlafen. Träumen. Wieder ausprobieren. Wieder sprechen. Wieder schlafen. Bis es Klick macht.

Ich bin mag dieses Gefühl. Dopamin und Noradrenalin in meinen Adern. Ich werde etwas Neues entdecken. Etwas, das ich noch nicht kannte. Und wenn es da ist, wird die Welt, meine ganze Welt, neu sein, voller Möglichkeiten, die ich vorher nicht entdecken konnte und ich werde es einsetzen können, um die Welt ein bisschen schöner zu machen. Ich bin sofort neugierig. Und ganz aufmerksam, alle Sinne wach. Egal wobei: Beim Tanzen, beim Schreiben, beim Rechnen, beim Moderieren, beim Programmieren, beim Entwickeln von Prozessen und Ideen.

Ein ernstes Dilemma

Das Doktor-Patienten-Dilemma von Duncker biete sich an, um genau diesem Gefühl auf die Spur zu kommen. Ich nutze es in leicht abgewandelter Form und beobachte, dass es sehr unterschiedliche Erkenntnisprozesse anstößt: Meistens entfaltet sich ein ganzes Sinnkonglomerat um diese sehr ernste Frage. Hier ist es:

„Du bist eine Ärztin mit einem Patienten, der einen bösartigen Tumor im Magen hat. Es ist unmöglich, den Patienten zu operieren, aber wenn der Tumor nicht zerstört wird, stirbt der Patient sicher. Es gibt einen medizinischen Apparat, der verwendet werden kann, um den Tumor zu bestrahlen und den Tumor zu zerstören. Wenn die Strahlung den Tumor in ausreichender Intensität erreicht, wird der Tumor zerstört. Leider wird dabei auch das gesamte umliegende Gewebe, das die Strahlung durchdringen muss, zerstört, und der Patient stirbt daran. Bei niedrigerer Intensität ist die Strahlung harmlos für das gesunde Gewebe. Sie kann aber auch dem Tumor nichts anhaben. Wie handelst Du?“

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Ich vermute, dass einer der folgenden Prozesse gerade in Deinem Kopf abläuft:

  • Du hast das Problem gelesen und sofort die technische Lösung erkannt (fachlicher Sinn)
  • Du liest das Problem und fängst an zu grübeln. Ich kann förmlich vor mir sehen, wie Du immer und immer wieder die vorgeschlagene Lösung (die keinen Sinn macht!) durchgehst und in Deiner Erinnerung nach vergleichbaren Problemen gräbst. Wenn ich Dir jetzt die Zeit verknappe, bist Du wahrscheinlich ziemlich schnell frustriert und suchst nachher im Internet nach der Lösung oder fragst Bekannte. Okay. Die Zeit ist um. (sozialer Sinn)
  • Du bist gar nicht auf die Idee einer technischen Lösung gekommen, sondern suchst einen anderen Ausweg: Welche Behandlung wäre ethisch vertretbar? Muss man es trotzdem ausprobieren? Oder gilt es es jetzt dem Patienten die Lebensqualität bis zu seinem Tode zu sichern ohne ihn weiter mit Bestrahlung oder ähnlichem zu belasten? (ethischer Sinn)

Dieses Gefühl

Wie auch immer Du es für Dich auflöst, irgendeine Verwunderung ist wach in Dir und Du willst eine Lösung finden, die Deine Suche befriedet. Und wenn Du sie jetzt gerade gefunden hast, bleib‘ mal einen Moment in dem Gefühl.

Hast Du es?

Das meinte ich.

Die Ärztin

Ich stelle mir die Ärztin aus dem Beispiel vor, für die das Problem hoch relevant im echten Leben ist. Wie sie den schwerkranken Patienten erstmal wieder verabschieden muss und sie die Frage nicht loslässt: Was soll ich tun? Wie sie sich mit Kolleginnen  und Kollegen berät. Die technische Lösung wieder und wieder durchspielt. Mit einer Freundin aus der Palliativmedizin spricht. Im Internet nach Fachartikeln sucht. Bei dem Hersteller des Apparats nachfragt und durch Zufall im Fernsehen einen Reportage über einen historischen Kriegsherrn sieht, der sein Ziel sternförmig angreift…

Keine einfache Hilfe

Es gibt eine Studie aus den Niederlanden, die besagt, dass Menschen, die eine Software lernen, diese weit besser beherrschen, wenn sie keine unterstützende Hilfefunktion dazu bekommen. Die mit der „selbstgelernten“ Version weit komplexere Probleme damit lösen können und typische Probleme weit schneller, als diejenigen, welche sich mit einer unterstützenden Hilfefunktion einarbeiten konnten (vgl. Nimwegen, C. van (2008). The paradox of the guided user: assistance can be counter-effective, Dissertation Universität Utrecht)

Wie gesagt: Lernen beginnt mit Verwunderung.

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (26. September 2012) – Version 1.1.

Foto: ‚Vorsichtsmaßnahme‘ von time. / photocase.de

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