Fragen wie diese beschäftigen mich schon lange: Welche Fortbildungen sind sinnvoll für Einzelne oder Teams? … Wie kann ich ein Seminar so gestalten, dass die Teilnehmenden gern lernen? … Weshalb ist „Lernen“ so wichtig? … Und vor allem: Was macht, dass wir durch all das Angenehme, Anstrengende, Verwirrende, Verstörende, Befreiende, Bedrückende, Spaßvolle, Schmerzliche gehen, das mit dem Lernen verbunden sein kann? Wann lernen wir wirklich?

Das X- und das C-System

Der Blick in die neurowissenschaftliche Lernforschung dazu ist ziemlich spannend:

Unser Gehirn scheint zwei Systeme zum Lernen zu nutzen (vgl. Lieberman, M. D. (in press). The X- and C-systems: The neural basis of reflexive and reflective social cognition):

  • ein refleXives und automatisches – das sogenannte X-System
  • ein reflektiertes und selbstbestimmtes – das sogenannte C-System (aus dem englischen refleCtiv).

Das Lernen im X-System funktioniert automatisch, schnell, parallel und ist im Wesentlichen durch die Amygdala gesteuert. Es merkt sich unter anderem, wovor wir Angst haben sollten, damit wir uns im Ernstfall schnell in Sicherheit bringen können.

Das Lernen im C-System funktioniert langsamer, kontrolliert, eins nach dem anderen. Es wird durch den Hippocampus gesteuert und wird durch Freude und Lust unterstützt.

Beide Lernsysteme werden durch die Wirkung der Spiegelneuronen ergänzt – als soziale Wesen gucken wir uns Verhalten einfach von anderen ab. Und zwar andauernd und meistens ohne es zu merken.

C-Lernen in zwei Schritten

Für meine Frage, wie ich Menschen ins Lernen bringen kann, ist das C-System wichtig. Unser Gehirn lernt dabei in zwei Schritten:

1. Es nimmt Informationen und Handlungsmuster auf, die Spiegelneuronen und der Hippocampus werden aktiv (vgl. Joachim Bauer Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone). Der präfrontale Cortex – die große Bühne unserer Entscheidungsfindung – ist involviert, wir erkennen Wirkungszusammenhänge, entzaubern Phänomene, erkennen die Bedeutung von Sachverhalten. ‚Die Sache fängt an, für mich Sinn zu machen!‘

2. Wird die Information oft wiederholt, das Handlungsmuster oft erprobt, dann wird beides an verschiedenen Stellen der Großhirnrinde abgelegt und dauerhaft abrufbar gemacht. Uns wird bewusst: wir wissen etwas Neues, wir können etwas Neues! ‚Ich kann zukünftig routiniert neu Handeln!‘

Das lässt sich sogar messen! Wenn wir besonders konzentriert sind, eine anspruchsvolle Aufgabe bewältigen, dann „sendet“ unser Gehirn auf der Frequenz so genannter Gamma-Wellen. Außerdem werden Dopamin und Noradrenalin frei, die uns weiterlernen lassen und helfen, das neu Entdeckte tatsächlich anzuwenden (vgl. David Rock, Learning that lasts through AGES).

Lernen heißt Sinn entstehen lassen

Für mich heisst das: Erfahrener und erlebter Sinn machen Lernen erfolgreich und halten uns im Lernen.
Wenn dieser Sinn beim Lernen nicht entsteht, steigen wir über kurz oder lang aus dem Lernen aus. Ich mache vielleicht die Prüfung, absolviere Trainings, lerne den Stoff, probiere das Ein oder Andere auch mal aus. Aber wirklich jemand anderes werde ich nicht. Das Lernen hat für mich keinen Sinn gemacht! Ich handele ‚in der Welt‘ nicht viel anders als vorher und vergesse vieles vom Gelernten wieder…

Was heißt dies alles nun für uns als Lehrende und als Lernende? Aus dem Impuls zu lernen wird nur dann dauerhafte Motivation für einen Lernweg entstehen, wenn der Sinn des Lernen und Handelns erlebbar ist. Lernen heißt, Sinn entstehen lassen.

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (23. Oktober 2012) – Version 1.1.

Foto: Still aus ‚Anatomy Body Diagnostic‘ von CLIPAREA / clipcanvas.com

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