Seit Mitte der 90er Jahre begleite ich Menschen bei spannenden beruflichen Herausforderungen, erfasse Bildungsbedarfe, setzte maßgeschneiderte Trainings- und Workshopreihen auf und fülle komplexe Managementtrainings mit Leben. Davor habe ich mich viele Jahre mit ganz ähnlichen Themen befasst – als Erzieher und Sozialarbeiter in der offenen Jugendarbeit. Wenn ich es hochrechne, muss ich wohl weit über 5000 Menschen beraten, qualifiziert und gecoacht haben, was sich doch nach einer ziemlich hohen Zahl anhört…

Früher: Verhalten beobachten

Die Weiterbildungsmodelle und -methoden, mit denen ich dabei gearbeitet habe, gründen vor allem auf der Auswertung von beobachtetem menschlichen Verhalten und auf der Auswertung von Aussagen, mit denen Menschen ihr eigenes Verhalten beschreiben. So entstanden zwar viele Hypothesen, Erklärungsmodelle und Handlungsempfehlungen dafür, wie ein gutes, wirkungsvolles Training gestaltet werden kann, aber dauerhaft zufriedenstellend fand ich das nicht. Wer schon einmal über die Vor- und Nachteile der NLP diskutiert oder sich über die Frage gestritten hat, wieviel Konsens es in einer Gruppe für eine gute Entscheidungsfindung tatsächlich braucht, kennt das Gefühl: Jede ,Meinung‘ hat eine Methode, jede Methode hat eine gewisse Plausibilität. Aber ein tieferes Verständnis, warum das eine funktioniert, das andere aber nicht und beides in bestimmten Umständen gar nicht (sondern da wieder etwas Drittes), können sie nicht vermitteln. Ich stellte mir irgendwann die Frage, ob es nicht eine ‚wissenschaftliche‘ Basis für Weiterbildung gäbe und machte mich gezielt auf die Suche.

Heute: Menschen verstehen

Nach kurzer Zeit fand ich erste Anknüpfungspunkte in der Arbeit von Richard J. Davidson. Der amerikanische Wissenschaftler hatte sich Anfang der 80er Jahre die menschlichen Gefühle zu seinem Forschungsgebiet gemacht und dabei Ähnliches beobachtet: Die gesamte Forschung zu dem Thema bezog sich seinerzeit darauf, wie Gefühle sich äußern. Seine Überlegung: Anstatt die äußeren Phänomene zu sammeln, zu beschreiben, und zu kategorisieren, sollten wir uns dem zuwenden, was in einem gestressten Menschen tatsächlich vor sich geht. Nur wenn wir die Stressmechanismen im Menschen selbst verstehen und begreifen, warum er aus sich selbst heraus gestresst ist,  können wir wirkungsvolle Handlungsempfehlungen für ihn ableiten, um dem Stress zu begegnen. (Seine neurowissenschaftlichen Forschungen mündeten in der Beschreibung von ,Emotionalen Stilen‘, und wie ein Mensch seinen eigenen ,Emotionalen Stil‘ durch gezielte Übungen in ganz persönlichen Sinne verändern kann.)

Deshalb Neurowissenschaft

Für mich war das ein Augenöffner: Könnte man nicht ähnlich herleiten, welche Lernformen erfolgreich sind? Könnten wir so nicht besser verstehen, wie Menschen aus sich heraus gut und nachhaltig lernen, um dann daraus Handlungsempfehlungen für Lehrende und Trainer/innen abzuleiten? Wenn ich besser verstehen würde, was in einem lernenden Menschen vorgeht und nicht nur interpretierte, was ich von außen meine zu sehen, könnte ich dann nicht auch selbst wirkungsvollere Handlungsempfehlungen entwickeln, um zu einem besseren Lernergebnis zu kommen?

Und tatsächlich: Zunehmend werden Erkenntnisse der Gedächtnis- und Lernforschung in neuen Modellen verdichtet. Um Lernformate wirklich zu verbessern, muss jetzt ,nur‘ von erfahrenen Praktiker/innen mit diesen Erkenntnissen experimentiert und die Ergebnisse in die Wissenschaft zurückgespielt werden. Mit Lust und Freude etwas ausprobieren, Erfahrungen machen, und in der Lern-Community, die so gewonnenen Ergebnisse teilen und weiterentwickeln. Deshalb Neurowissenschaft!

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (28. November 2012) – Version 1.1.

Foto: ‚the missing part‘ von momosu / photocase.de

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