Wissenschafler.innen vermuten, dass sich im Gehirn über die Jahrtausende eine Art ‚Huckepack-System‘ entwickelt hat, das dafür sorgt, dass wir sozial verbunden bleiben (das erhöht die „Überlebenschance“ für das Individuum) und zur Kooperation und gemeinsamem Lernen bereit sind (das bietet Vorteile gegenüber „Fresskonkurrenten“).  Es funktioniert so, dass sozialer Schmerz und soziale Lust „Huckepack“ auf den Systemen für physischen Schmerz und physische Lust sitzen und soziale Ereignisse in den gleichen Hirnregionen ‚mitverarbeitet‘ werden, die auch physischen Schmerz oder physische Lust verarbeiten  (vgl. Lieberman und Eisenberger, 2009).

In Experimenten konnte z.B. gezeigt werden, dass bei Testpersonen, die einen sozialen Ausschluss erleben oder sich davon bedroht fühlen, genau die Hirnregionen tätig sind, die auch für körperliche Schmerzen zuständig sind. Und tatsächlich verringert die kontrollierte Einnahme eines Schmerzmittels bei Testpersonen die Anzahl der berichteten Ereignisse von ‚Verletzten Gefühlen‘ (DeWall et. al, 2010).

Unser Gehirn scheint also darauf ausgelegt und optimiert zu sein, uns mit anderen zu verbinden und in der Gruppe zu halten. Rein evolutionär betrachtet ist das (fast) Schlimmste, was uns passieren kann, keine soziale Aufmerksamkeit zu erfahren, zu vereinzeln und letztendlich aus der Gruppe gelöst zu werden. Vor 100.000 Jahren hatte ein solcher ’sozialer Tod‘  mit hoher Wahrscheinlichkeit den physischen Tod zur Folge.

Sozialer Schmerz und soziale Lust im ‚Mentalizing Network‘

Auch heute noch ist unser Gehirn auf Kooperation und Verbleib in der Gruppe ausgelegt. Ein großes Netzwerk rund um dieses Huckepack-System, das sogenannte ‚Mentalizing Network‘, ist im Gehirn zusätzlich ständig damit beschäftigt:

  • Anderen Personen auf der Spur zu bleiben
  • die Gefühle anderer zu deuten
  • die Gedanken anderer zu deuten
  • die Motive/Vorhaben/Motivationen anderer zu deuten
  • den Zustand anderer zu deuten
  • Blicke, Gesten und Sprache Anderer aufzunehmen und zu deuten
  • das Verhalten anderer aufzunehmen und zu kopieren.

Menschen verstehen, die in Gruppen lernen

Natürlich spielen diese Mechanismen auch in Workshops oder Trainings eine Rolle. Sozialer Schmerz kann z.B. ausgelöst werden durch

  • Zurückgewiesen werden
  • Abwertende, mißbilligende Blicke empfangen
  • Negatives, bewertendes Feedback erhalten (z.B. für soziales Verhalten)
  • Sitzen gelassen, abserviert werden
  • Sich unfair behandelt fühlen
  • Von Anderen eingeschätzt und herabgesetzt zu werden

Genauso kann soziale Lust angeregt werden durch:

  • Anerkennung erfahren
  • Fair behandelt werden
  • Kooperieren und gemeinsam Lernen
  • Etwas Spenden
  • Schadenfreude

Dabei wird das Schmerz- oder Belohnungssystem nicht bei allen Menschen gleichermaßen stark oder schnell aktiviert. Z.B. geht die (westliche) Persönlichkeitsforschung davon aus, dass 30 bis 40 % aller Menschen introvertiert sind. Ihr System für soziale Ereignisse – vor allem solche, die Schmerz bereiten – ist besonders ausgeprägt und sie sind entsprechend empfindsam in Gruppensituationen. Deswegen fühlen sich Introvertierte beim Lernen in Gruppen eher unwohl.

Lernen funktioniert allerdings nicht nur über Belohnung und die Abwesenheit von unguten Gefühlen. Es funktioniert auch (und teilweise sogar besonders gut) durch phasenweise moderate Stresssituationen oder einen ‚Sprung ins kalte Wasser‘. Wenn allerdings der Stress zu groß oder zur Regel wird, wird das Lernen stark erschwert. Zuviel Stress ist ‚Gift fürs Gedächtnis‘ (Leyh et. al, 2012)

Was bedeutet dies für das Design und die Leitung von Lernsettings und Workshops?

All das lässt sich praktisch für das Lernen in Gruppen anwenden:

  • Inseln schaffen, auf denen sich Teilnehmer von der Gruppe ‚erholen‘, und sich – z.B. in Einzelarbeit – im eigenem Tempo Lerninhalte erschliessen können.
  • Soziale Ereignisse, die offensichtliche Quellen für Schmerzen darstellen, vermeiden.
  • Und vor allem: Im Design eine ‚Secure Base‘ einbauen oder mit den Teilnehmern schaffen, auf die sich alle immer wieder zurückziehen und ‚durchschnaufen‘ können. Dieser ’sichere Ausgangspunkt“ sollte ein Gefühl von Schutz und Behaglichkeit bieten und eine Quelle darstellen, aus der Energie und Inspiration geschöpft werden kann – um etwas zu erkunden, auszuprobieren, Risiken einzugehen und Veränderung zu suchen. Er kann eine Person sein, ein Ort, ein Ziel oder ein geeigneter Gegenstand (Eisenberger und Kohlrieser, 2012).

Und dann kann Lernen im Beruf optimal laufen: Mit Freude und der Sicherheit ‚mir kann nichts passieren‘ Dinge zu erkunden und auszuprobieren, sich etwas zu trauen und nach neuen Wegen für die tägliche Praxis zu suchen.

Quellen & Inspiration

DeWall C.N., MacDonald, G. Webster, G.D., Masten, C.L., Baumeister, R.F. Powell, C., … Eisenberger N.I. (2010), An empirical paper that tests a provocative consequence of the physical-social pain overlap, Psychological Science

Eisenberger, N.I. und Kohlrieser, G. (2012) The Paradox of Caring, Vortrag auf dem NLI Summit 2012, New York, www.sciencemag.org

Lieberman, M.D. und Eisenberger, N.I. (2009) Pains and Pleasures of Social Life SCIENCE, Vol. 323

Leyh, A., Drimalla, H., Karberg, S., Krämer, T., Kupferschmidt, K., Pontes, U., Osterath, B. und Seng, L. (2012) Das Gedächtnis: Wie Erlebnisse zu Erfahrungen werden‘, Ebook, dasGehirn.info 2012, S.14 ff; S. 99 ff).

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (7. März 2013) – Version 1.1.

Foto: ‚people 03‘ von stm / photocase.de

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