(Foto: ESO)

In allen Büros wird über Fernsehserien geredet. Natürlich auch bei uns… Neulich ging es um ‚The Big Bang Theory‘… als Penny möchte, dass Sheldon Ihr Physik beibringt. Ich finde, die kurze Szene zeigt sehr gut, wie Lernen funktioniert und was dabei alles schief gehen kann. Und sie ist sehr lustig 🙂

Wenn Ihr sie Euch irgendwo anschauen möchtet, findet Ihr sie hier: „Sheldon teaches Penny Physics“ in Season 3, Episode 10 „The Gorilla Experiment“.

Für alle, die die Serie nicht kennen: Penny, die ohne Berufsabschluss eine Karriere als Schauspielerin anstrebt und bis zum ‚Durchbruch‘ als Kellnerin arbeitet, ist mit Leonard zusammen. Der ist Experimentalphysiker. Die anderen Mitglieder der Clique sind ebenfalls Naturwissenschaftler.innen und arbeiten in unterschiedlichen Fachbereichen an der Uni. Penny versteht nichts von Physik, möchte aber gerne Leonards Arbeit verstehen, um mit ihm darüber reden zu können.

Sinn und Unsinn: Was Penny  lernen möchte

Penny fragt Sheldon (einen extrem hochbegabten Theoretischen Physiker, der soziale Situationen nicht so gut meistern kann), ob er ihr Physik beibringen kann. Sie will Leonard damit überraschen, dass sie weiß, was er tut. Allerdings kommt ihr Impuls ‚Physik zu lernen‘ von ganz woanders: Bernadette, ein neues Mitglied der Clique, ist Biologin und wollte früher einmal Physik studieren. Sie kennt Leonards Arbeit, redet mit ihm in der Gruppe darüber und kann sie klug kommentieren. Das sieht Penny als echte Bedrohung! Sie will sich von Bernadette nicht ausstechen lassen, ihren Platz in der Gruppe behaupten und einer mögliche Gefahr für ihre Beziehung zu Leonard begegnen. Deshalb „muss“ sie – logischerweise! – Physik lernen, um zu verstehen, was Leonard macht.

00:00 Die Szene beginnt mit Sheldon, der das Lernvorhaben mit Penny als Experiment aufsetzt. Er nennt es ‚Project Gorilla‘ (nach einem berühmten Experiment, bei dem einem Primaten Zeichensprache beigebracht wurde) ….

Ich kann nicht anders, als das Geschehen durch meine Lernexperten-Brille zu sehen und für Euch zu kommentieren 🙂

Das Lerneinander: Einstiegssequenz mit Statusfestlegung

0:20    Sheldon weist Penny ihren Platz auf dem Sofa zu.
0:49    Sheldon fragt Penny, wo ihr Notizblock ist.
1:00    Sheldon sagt ihr, es wird Tests geben! Dann folgt noch eine kleine, aber feine verbale Beleidigung mit dem College-Notizblock, den er Penny gibt (fairerweise muss man sagen, dass Sheldon das Konzept von Beleidigung gar nicht kennt…)

Nach dieser Sequenz sind die Rollen festgelegt: der ‚Wissende Lehrende‘, der nicht nur den Lehrstoff kennt, sondern auch den Lernweg und die Methode bestimmt und die ‚Unwissende Lernende‘, die den ihr vorgesetzten Stoff nun gefälligst lernen soll. Und zwar auf die Art und Weise, wie sie von Sheldon, dem ‚Master of Teaching‘, vorgegeben wird.

Das Lernsetting: Inhalte und Methoden

Penny sitzt auf dem Sofa, Sheldon sitzt erhöht oder steht. Er schreibt auf einem Whiteboard.

1:16    Sheldon beginnt mit der Einführung in Physik ab ovo, also ganz von vorne: Begriffsherkunft, das alte Griechenland, 26 Jahrhunderte an Erkenntnissen… Penny macht das alles soweit mit. Sie rutscht dabei immer tiefer in die Schülerinnenrolle und versucht, nach Sheldons Regeln irgendetwas zu begreifen und mitzukommen.
2:10     Penny versucht, Sheldon auf ihre Wünsche zu fokussieren schafft es aber nicht, ihn einzufangen.
2:39    Inzwischen ist sie so in das Schülerinnen-Ich ‚eingerollt‘, das sie bestenfalls auf kindliche Weise aufbegehrt.
3:30   Penny lernt wirklich etwas! Das möchte sie auch gerne aufschreiben, Sheldon lässt  sie aber nicht… Es hat nichts mit Physik zu tun 🙂
3:50    Sheldon zeigt typische zynische Muster, er ist wegen der ‚Unfähigkeit‘ Pennies seine Lerninhalte zu begreifen frustriert.
4:05   Pennys unvermeidliche Gegenattacke: ‚You just suck at teaching!‘
4:55    Penny ist frustriert, macht für ihr Nicht-Begreifen die eigene ‚Dummheit‘  verantwortlich und muss weinen…

In dieser Sequenz zeigt sich was passiert, wenn beobachtbare Lernziele unbesprochen sind. Sheldon wählt die Lerninhalte selbst und legt fest, welche Konzepte Penny vermittelt bekommen soll. Er nimmt ihren ursprünglich ihm gegenüber geäußerten Wunsch wörtlich (er kann nicht anders!) und will ihr ALLE Konzepte zu Physik vermitteln. Weil Penny das nicht leisten kann, fühlt sich Sheldon erschöpft, zunehmend frustriert und verärgert. Penny wiederum wird währenddessen immer klarer, was sie wissen will und was für sie keinen Sinn macht. Sie ist aber durch das Lerneinander bisher soweit in die Schülerinnenrolle gerutscht, dass sie mit ihrem Wunsch nicht durchdringt und mit ihren erlernten Schülermustern auf Sheldon reagiert. Bis hin zu Streit, Weinen und Selbstvorwürfen: ‚I am so stupid‘! Das Lernen bisher macht für beide keinen Sinn und keine Freude – für mich als Zuschauer allerdings um so mehr 🙂

Selbstbestimmung: Penny setzt Ziele

5:19   Penny reagiert erwachsen auf die Situation, so wie sie bis dahin eskaliert ist. Sie bittet Sheldon ihr direkt zu sagen, was Leonard arbeitet.
5:24    Das Lernsetting hat sich verändert! Sheldon sitzt auf Augenhöhe mit Penny und  erklärt, Penny versteht und macht sich Notizen. Sie stellt eine Frage, die ihr weiterhelfen kann… Und Sheldon lobt sie!
5:50    Sheldon kann sich dann allerdings doch nicht auf Pennys Frage und ihr Anliegen einlassen: Aus seiner Sicht muss Sie immer noch ALLES lernen, um ihren Lernwunsch – Leonards Arbeit zu verstehen – erfüllt zu bekommen.

In dieser Sequenz liegt die Möglichkeit, dass die beiden sinnvoll zum Lernen zusammen kommen. Das Lerneinander hat sich zwischenzeitlich verändert und auch das Lernsetting ist partnerschaftlicher geworden. Penny weiß, was sie konkret lernen möchte und Sheldon könnte tatsächlich selbst auch etwas lernen, um ihr dabei behilflich zu sein.

Leider zeigt die Folge jetzt nicht, wie es mit den beiden weitergegangen ist – ich wäre gern dabei gewesen, aber am Schluss kommt es zu einer überraschenden Wendung:

Erfüllung: Pennys neues Handeln in der Wirklichkeit nach dem Lernen mit Sheldon

6:13     Penny trägt einen beeindruckenden Monolog zu Leonards Arbeit vor, als das Thema in der Clique angesprochen wird.
6:47    Penny erzählt, was sie wirklich gelernt hat: das die berühmten ‚Fig Newton‘ Kekse nicht nach dem berühmten Physiker, sondern nach einer kleinen Stadt in  Massachusetts benannt sind.

Ich liebe diese Szene wirklich, weil sie so vielschichtig zusammenbringt, worauf es beim Lernen ankommt. Und vor allem worauf nicht: Die auswendig gelernte Sicht von Sheldon auf Leonards Arbeit und seine wohlwollende Zustimmung zu Penny’s Vortrag haben mir wahrem Lernen wenig zu tun. Entscheidend ist, was Penny aus der Situation gemacht hat. Sie hatte ein Problem, sie hat sich zunächst ‚Expertenrat‘ eingeholt und am Ende das Beste draus gemacht, indem sie ihre Fähigkeiten als Schauspielerin zum Einsatz bringt und ihr Repertoire um die ‚Theoretische  Physikerin‘ erweitert. Wer die Szene ohne Vorkenntnisse sieht, denkt leicht, sie sei auch eine von den Wissenschaftlerinnen. Die Gruppe wirkt natürlich verblüfft und irritiert, sie bringt diese Rolle mit der ‚alten‘ Penny nicht zusammen. Aber dann erfüllt sich der ursprüngliche Sinn für Penny doch noch: Ganz sie selbst behauptet sie ihren Platz in der Gruppe und bekommt allgemeine Anerkennung dort, wo sie am authentischsten ist – mit dem Fun Fact über die Fig Newtons 🙂

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (9. April 2013) – Version 1.1.

 

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