In fast jedem Seminar oder Training gibt es zum Abschluss der gemeinsamen Zeit eine Feedbackrunde. Es gilt herauszufinden, wie zufrieden die Teilnehmenden mit dem Seminar gewesen sind, ob die Trainerin oder der Trainer einen guten Job gemacht hat und wie das Ganze verbessert werden kann. Häufig wartet dazu ein Stapel mit vorbereiteten Fragebögen vom Auftraggeber. Auch im Verlauf des Trainings gibt es immer wieder „Abschlussrunden“ in Form von Zusammenfassungen, gemeinsamer Reflexion des Erlebten, Check- oder To-Do-Listen, die für die Zeit nach dem Training das Lernen und Umsetzen unterstützen sollen.

Was leistet der Abschluss für den Lernprozess?

Aber mal abgesehen davon, dass „man das so macht“ (und es der Verbesserung des Trainings dienen kann): Was leistet der Abschluss, also die angeleitete Beschäftigung mit dem Erlebten, für den Lernprozess der Teilnehmenden?

Lernen im Unternehmenskontext zielt häufig auf das deklarative oder Wissensgedächtnis. Hier werden Informationen gespeichert und abrufbar gehalten, die sich z.B. auf Kommunikationsmodelle, Verfahrensanleitungen etc. beziehen. In genau der gleichen Hirnregion des deklarativen Gedächtnisses findet sich aber noch eine andere Gedächtnisform. Das episodische Gedächtnis. Dort werden Episoden, Erlebnisse und Tatsachen aus dem eigenen Leben „aufbewahrt“.

Auf die Trainingssituation übertragen heißt das: Unabhängig davon, was wir konkret im Training gelernt haben, erinnern wir uns auch an uns selbst, wie wir im Training waren, was uns widerfahren ist und mit welchen Gefühlen wir es erlebt haben. Es gibt Hinweise darauf, dass sich diese beiden Gedächtnisformen überlagern. Und genau hier wird es für uns interessant. Ob wir nämlich etwas als positiv und gelungen oder als negativ und misslungen erinnern, hat erstaunlich wenig mit dem tatsächlich Erlebten zu tun. Das Erleben und das Erinnern fallen – logischerweise – zeitlich auseinander und so gibt es uns quasi zweimal: Als ,Erlebendes Selbst‘ und als ,Erinnerndes Selbst‘ (Kahnemann, The riddle of experience vs. memory).

Zum Abschluss eines wunderbaren Wochenendes

Kompliziert? Hier ein Beispiel aus der Glücksforschung (nach: Kahneman, a.a.O.):
Wir haben spontan ein wunderbares Wochenende in den Bergen verbracht und sind in einem tollen Hotel gewesen. Großartiger Service, hervorragendes Essen, ein herrliches Zimmer. Bei der Abreise wird klar weshalb: Wir hatten eine falsche Preiskategorie gebucht und müssen deutlich mehr bezahlen, als gedacht. Wir ärgern uns gewaltig und plötzlich ist das ganze Wochenende verdorben. Das ganze Wochenende? Falsch! Es ist nur die Erinnerung an das Wochenende, die verdorben ist. Unser ,Erinnerndes Selbst‘ speichert es als ,Katastrophe‘ im episodischen Gedächtnis ab, obwohl unser ,Erlebendes Selbst‘ das ganze Wochenende über sehr glücklich war
Das ist an sich schon erhellend (und wirft ein interessantes Licht auf Untersuchungen zum Thema: ,Wie glücklich sind die Deutschen?‘) wird aber gleich noch interessanter, denn: Das ,erinnernde Selbst‘ ist der Entscheider für unser zukünftiges Verhalten. Wenn wir jetzt nicht wieder in den Urlaub fahren, ohne vorher ausgiebig zu planen und uns dreimal abzusichern, in welcher Preiskategorie die Buchung erfolgt ist, dann tun wir das, weil unsere ,vorausahnenden Erinnerung‘ einsetzt. Das wollen wir nicht noch einmal erleben! Die glücklichen Momente spielen hier keine Rolle. Das ,erlebende Selbst‘ von damals hat keine Stimme mehr bei der Entscheidung.

Mehr Cliffhanger im Training!

In unserem Gehirn werden Fragmente von Episoden abgespeichert und dann vom Gehirn kreativ zu – teilweise wieder neu ausgestalteten – schlüssigen Erinnerungen zusammensetzt. Es scheint so zu sein, das folgende Fragmente sich am stärksten Einprägen:

  • Umbrüche im Erlebten
  • bedeutsame Augenblicke und Emotionen
  • sowie (am stärksten) das Ende der erlebten Episoden selbst.

Ende gut, alles gut! Und auch umgekehrt: Ende schlecht, alles schlecht!! Daniel Kahneman spricht daher auch von der ,Tyrannei des Erinnerns‘. Sie zieht das Erlebte in eine Erinnerung, die es gar nicht will.

Ganz ehrlich: Eigentlich möchten wir ja auch die Dinge zu Ende bringen. Wer Sheldon Cooper und Amy Farrah Fowler aus „The Big Bang Theory“ in der Episode „The Closure Alternative“ beobachtet hat, kennt diesen Mechanismus genau: Wer immer dreimal anklopfen muss, wird irre, wenn er schon beim zweiten Mal die Tür geöffnet bekommt. Wir lassen das Ende einfach nicht gerne

In Trainingsdesigns wird deshalb oft das episodische Gedächtnis angesprochen, damit die Teilnehmenden abschließen können und mit einem zufriedenen Gefühl in ihren Alltag gehen: Klasse Training! Alles erledigt und in To Dos überführt.

Das Lernen ist erledigt!

Die Frage ist jetzt nur: Wollen wir eine positive Evaluation der ,Episode‘ Training, oder wollen wir wirklich etwas lernen?

Was auch immer wir im Training gelernt haben, was uns begegnet ist und was uns zum Nachdenken gebracht hat: Je umfangreicher das Training (oder Abschnitte darin) mit Abschlussrunden beendet werden, umso stärker wird die Episode ,Training‘ als abgeschlossen betrachtet und unser Erinnerndes Selbst verkürzt und verdichtet diese Episode auf wenige Highlights/Lowlights und auf das Ende selber. Da unser Erinnerndes Selbst nun aber für die Entscheidungen zuständig ist, welche Handlungen wir in der Zukunft durchführen, kann es sein, dass wir aus den Trainingsinhalten nur wenig handlungsleitenden Impulse mitnehmen.

Ende gut, alles gut? Ich plädiere für mehr Mut zu offenen Enden und für längere Lernsettings!

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (29. Januar 2014) – Version 1.1.

One Comment

  • Hallo Lars,

    habe Deinen aktuellen Blog gelesen und komme im Laufe des Tages immer wieder mal in Gedanken darauf zurück. Danke für das frische und vor allem für unsere Trainerzunft selbstkritische Reflexionsfutter. Finde Deine und die zitierten Gedanken sehr spannend und vermute, dass das Feedback am Schluss in Business-Kontexten eben auch dazu dient, das Training als ein gutes zu erinnern um dann an einen neuen Auftrag zu kommen. Letztlich erlebe ich es Trainer genau wie Du sagst: Die Teilnehmer berichten vor allem von den guten Erinnerungen und aktivieren das episodische Gedächtnis. Eine ehrliche Aussage über die erzielten Lernfortschritte und die Fraglichkeit, ob sich das frisch Gelernte verfestigen und in den Alltag integrieren lässt, traut sich kaum ein Teilnehmer. Welcher Gast sagt schon einem Gastgeber, der sich viel Mühe mit der Ausrichtung der Party gemacht hat, beim Gehen seine ehrliche Meinung? Und wie soll ich berauscht vom Erleben den Kater antizipieren? Lieber noch nicht daran denken und dem Gastgeber um den Hals fallen, dass er einem – wenn es einem gefallen hat – den grauen Alltag hat vergessen lassen. Ich frage deshalb schon seit längerem kein Feedback mehr ab am Ende des Trainings, ist halt etwas nüchterner und vermindert hoffentlich den Seminar-Kater 😉

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