Cordula Büchse ist Trainerin für agile Personalentwicklung und hat mit uns erarbeitet, welche wichtige Rolle der Raum beim Lernen spielt. Vielen Dank, Cordula, dass Du unsere Ideen in diesen wunderbaren Artikel übersetzt hast:

Wann hast Du Dich als Erwachsene_r zum letzten Mal auf die Schulstühle eines Klassenraumes gesetzt? Sagen wir, einer 5. oder 6. Schulklasse? Was passierte da im ersten Moment mit Dir?

Neulich hatte ich genau dieses Erlebnis und sofort sind ungefragt alte Schulerinnerungen aufgetaucht. Geruch, Farben, Mobiliar, alles trug dazu bei, dass ich Kontakt zu meinem Leben als Sechstklässlerin bekam. Es war, als schlüpfte ein Teil von mir unwillkürlich in diese alte Rolle.

Der Lernraum löst unsere Handlungen aus.

Überall umgeben uns Räume, von Menschen geschaffene Räume, die nicht nur auf uns wirken, sondern neben Erinnerungen auch Handlungen auslösen. Räume in ihrer zunächst physikalischen Form – Decke, Boden, Wände, Fenster und Einrichtungsgegenstände werden von uns unmittelbar in einen Sinnzusammenhang gestellt und wirken meist unbewusst. Im Opernsaal verhalten wir uns anders als am Konferenztisch, im Schwimmbad anders als am Kaffeetisch unserer Großtante. Warum das so ist, erklärt uns die Neurowissenschaft damit, dass in einzelnen Hirnzellen, den „grid cells“, räumliche Aspekte codiert (in ein Raster verwandelt) und die Gegenstände innerhalb dieses Raumes als handlungsauffordernd abgespeichert werden (Becker, 2013) Dies ist evolutionär gut nachvollziehbar, denn schließlich mussten unsere steinzeitlichen Vorfahren sich daran erinnern, wo das leckere Essen herumlief und wie man nach erfolgreicher Jagd wieder zur Heimstätte zurück fand.

Räume scheinen also Handlungen auszulösen. In der Pädagogik wird der Raum sogar als der dritte Pädagoge (neben der Lehrkraft und den anderen Kindern) betrachtet (Rätzel, 2008). Aber was bedeutet das für die Auswahl der Orte, an denen Trainings und Seminare im Beruf stattfinden? Wenn ich also für mein Führungsseminar das bestens ausgestattete Hotel wähle, mit Blick aufs Meer und hellen, freundlichen Räumen, mache ich doch alles richtig. Oder?

Tanz der Neuronen im Lernraum

In dem Führungsseminar könnte es zum Beispiel darum gehen, neue Verhaltensweisen in der Verhandlungssituation mit meiner Führungskraft zu lernen. Was passiert derweil in meinem Gehirn? Alle Eindrücke, die zu dieser Situation gehören, aktivieren synchron unterschiedliche Neuronengruppen (Krämer 2011). Ich stelle mir das so vor, dass für die verschiedenen Sinneseindrücke und Wahrnehmungen (akustisch, visuell, zeitlich, räumlich und emotional) unterschiedliche Neuronengruppen an verschiedenen Orten im Gehirn zur Verfügung stehen. Wenn sie synchron miteinander feuern, bildet sich ein Muster. Dieses kann immer wieder aktiviert werden. Also einmal gemeinsam gefeuert, ist gemeinsames Feuern wieder möglich, sobald eine beteiligte Nervenzelle aktiviert wird. Je häufiger dieser Tanz getanzt wird, desto stärker wird die Verbindung und desto tiefer der Eindruck. Wenn dann noch die Relevanz des Erlebten steigt, es sich also mit schon vorhandenen Erfahrungen verbindet und Emotionen mit im Spiel sind, hat es gute Chancen, im Langzeitgedächtnis gespeichert zu werden. Und das möchte ich in der oben beschriebenen Lernsituation ja.

Für den Lernerfolg ist jetzt entscheidend, dass die vermittelten Lerninhalte für die lernende Person relevant sind und dass sie diese mit angenehm-anregenden Gefühlen verbindet, um sie später in der echten Situation souverän abrufen zu können.

Der Lernraum sollte also so beschaffen sein, dass der Bedeutungszusammenhang, den er auslöst, positiv aktivierend ist. Ein dunkler, schlauchförmiger Raum, der zudem aussieht wie ein Möbellager, bietet diese Qualität für die meisten Menschen sicher nicht. Farben, Licht, Möbel und weitere Utensilien können die Bereitschaft beeinflussen, sich aktiv mit der Lernsituation auseinander zu setzten und ihr Bedeutung zu verleihen (Roth, 2003).

Nehmen wir einmal an, dieser erste Schritt ist geglückt. Unsere Lernsituation „Wie verhandele ich erfolgreich mit meiner Führungskraft?“ fand im oben beschriebenen Seminarhotel statt und ich habe nun neue Werkzeuge, die ich – zurück an meinem Arbeitsort – gleich anwenden will.

Der Lernraum „Echtes Leben“

Doch was passiert dann? Wir alle kennen das Phänomen, dass von den neulich erst gelernten neuen Verhaltensweisen im Berufsalltag das meiste schnell wieder in Vergessenheit gerät. Scheinbar sind unsere Synchrontänzer im Gehirn noch nicht so geübt. Es ist ja auch alles anders, als in der Lernsituation im Seminarhotel.

  • Mein Gegenüber ist ein anderer (nämlich meine Führungskraft und nicht mein Seminarkollege)
  • Der Kontext ist anders, denn ich bin meinem Outlooktermin gefolgt und von meinem Schreibtisch aufgestanden und zu meiner Führungskraft ins Büro gegangen und nicht nach der Kaffeepause in meinen Seminarraum
  • Meine Gefühle sind andere: Vielleicht bin ich im Seminar auch aufgeregt gewesen, aber Rollenspiel ist halt doch anders als Verhandeln mit der eigenen Führungskraft.
  • Der Raum ist ein anderer, nämlich das Büro meiner Führungskraft und nicht der helle und inspirierende Seminarraum

Wie sollen also die schon einmal synchron aktivierten Neuronengruppen wieder gemeinsam ins Feuern kommen?? Ich müsste wohl meine Führungskraft zu allen
Besprechungen ins Seminarhotel am Meer einladen…

Der Lernraum entscheidet mit über den Lernerfolg

Mal Spaß beiseite: Der Lernraum spielt eine entscheidende Rolle beim Lernen, bzw. Erinnern. Deswegen macht es Sinn, die Lernumgebung möglichst so zu gestalten, wie sie uns auch im Alltag begegnet.

Es gilt also entweder, den Seminarraum am Meer entsprechend zu gestalten und das Rollenspiel sorgfältig auszustaffieren, inklusive des Vom-Outlook-Termin-gesteuert-ins-Büro-meines-Vorgesetzten-Gefühls oder einen Raum in der Nähe der realen Arbeitsplätze als Lernumgebung zu nutzen. Auch hier ist es hilfreich, wenn der Raum eine hohe Flexibilität aufweist, denn auch dieser Raum sollte so gestaltet werden, dass er zum Lernen einlädt.

Der entscheidende Vorteil der zweiten Variante könnte sein, dass Menschen in der Nähe ihres Arbeitsplatzes teilweise in ihrer Arbeitsrolle bleiben, z.B. als Führungskraft oder als Teammitglied. Entgegen früherer Annahmen, dass sich Menschen für die Zeiten eines Trainings möglichst aus diesen Rollen befreien sollten, sehe ich genau darin einen großen Vorteil: Wenn ein Teil von mir mit meiner „echten“ Rolle weiter in Verbindung steht, so kann ich möglicherweise neu gelerntes Verhalten viel besser in mein Rollenhandeln integrieren. Das Gelernte ist näher an meiner (Arbeits-)Wirklichkeit, weil ich näher dran bin und der Raum entsprechende Impulse für mein assoziatives Denken setzt. Löst der Raum im Training z.B. Stress aus, kann ich sofort lernen, wie ich damit umgehen will. Oder neurowissenschaftlich ausgedrückt: Es werden die Neuronennetze aktiviert, die ohnehin schon einen miteinander schwingen und das Neue im Verhalten kann so besser integriert werden. Der Übergang vom Lernraum zum Arbeitsraum gelingt dann einfach besser.

Quellen & Inspiration

Joachim Becker: Doppeln und Doppelgänger – Gedanken zur Neurobiologie. In: Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie, Heft 2/2013, Wiesbaden

Tanja Krämer: Wie Erlebnisse zu Erfahrungen werden – Das Gedächtnis. In: Das Gehirn.info, 2011, www.dasgehirn.info

Daniela Rätzel: „Und alles ist erleuchtet“. Die Entdeckung und Erkundung des Lernraumes. In: Claudia Dehn (Hrsg.), Raum + Lern – Raum + Leistung, ArtSet Verlag, Hannover 2008

Gerhard Roth: Warum sind Lehren und Lernen so schwierig? In: Report Heft 3/2003, Bielefeld

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (25. Februar 2014) – Version 1.1.

Foto: © Sergey Nivens – Fotolia.com

3 Comments

  • Hallo,
    spannende Gedanken. Man muss sich also deutlich mehr mit den Räumlichkeiten von Vorträgen oder Seminaren beschäftigen.
    Aber zuerst noch eine Frage. Ich kann mich räumlich sehr gut orientieren und bilde sehr schnell Handlungsräume aus – zum Beispiel im Supermarkt oder beim Autofahren. Ich kenne aber auch diverse Menschen, die dies nur schlecht oder fast gar nicht können. Jeder Raum ist neu und muss jedesmal neu erkundet werden. Gibt es hier Ansätze diese Fähigkeit zu trainieren?

    Gruß
    Wolfram

  • Hallo Wolfram,

    auch das ist eine sehr interessante Frage, deren Antwort ich recht knifflig finde. 😉

    Dazu habe ich mir noch einmal vergegenwärtigt, was uns eigentlich antreibt zu lernen. Eine der grundlegenden Fähigkeiten unseres Gehirns ist das Lernen. Die Wissenschaft unterscheidet dabei zwischen dem assoziativen und dem kongnitiven Lernen. Beim assoziativen Lernen handelt es sich z.B. um Kognition, wie es Pawlow in seinem Versuch mit Hund und Klingel anschaulich gezeigt hat. Hier gilt das Prinzip Versuch und Irrtum. Wenn wir aber abstrakte Begriffe lernen, komplexe Lösungen für Probleme finden, einen schwierigen Text durchdringen und daraus etwas mitnehmen oder auch wenn wir uns räumliche Gegebenheiten einprägen, handelt es sich um kognitives Lernen. Also könnte beim kognitiven Lernen die Antwort auf deine Frage zu finden sein.

    Beim kognitiven Lernen entsteht im Gehirn ein mentales Abbild der Umwelt. Dies dient z.B. dazu, Probleme eines bekannten Zusammenhanges in der Vorstellung zu lösen. Die Lösung wird im Gedächtnis abgelegt und kann in ähnlichen Problemsituationen abgerufen werden. Im Fall der Orientierung im Supermarkt bedeutet dies, dass die Gänge und die Anordnung der Waren über die Sinne wahrgenommen und in einer mentalen Supermarkt-Karte im Gehirn abgelegt werden. Wenn alles gut läuft, ist beim Besuch eines anderen Supermarktes die innere Karte wieder verfügbar und es kann sich schnell orientiert werden, selbst wenn es sich nicht um den selben Supermarkt handelt, da die Struktur der Warenanordnung gelernt wurde. Nun ist es aber nicht so, dass es nur eine mögliche Form der inneren Landkarte des Supermarktes gibt, sondern sie entsteht in Abhängigkeit zum eigenen Bezug zum Wahrgenommenen. Jede Person legt also eine individuelle Repräsentation ab, je nach Bezug oder auch Handlungsaufforderung der Umgebung.

    Hier könnte die Antwort zu deiner Frage liegen: ja, es ist richtig, dass sich Menschen unterschiedlich genau topographische Merkmale merken, denn sie setzen sich in einen unterschiedlichen Bezug zu diesen. Und ja, ich gehe davon aus, Orientierung im Raum, die dazu dient, schnell einen bestimmten Weg zu finden, kann gelernt werden. Dabei helfen z.B. Raumsimulationen, in denen sich Personen anhand bestimmter Merkmale Wege einzuprägen lernen. Wenn dieses Lernen im „so Tun als ob“ mit Freude verbunden ist, steigen die Chancen, dass die Orientierung im wirklichen Raum mit der Zeit auch besser funktioniert.

    Learn on 😉
    Cordula

  • Auch hier danke ich Dir für die ausführliche Antwort.

    Das sich Menschen auf verschiedenen Arten Wege und Räume merken ist mir schon oft bewusst geworden. Und zwar fällt mir das bei Wegbeschreibungen auf: Ich beschreibe Wege indem ich besondere Merkmale einfüge (bei der HEM Tankstelle dann rechts abbiegen, dort fährst Du an einem Autohaus vorbei, …). Mir fällt damit die Orientierung leichter. Andere empfinden das als unnütze Information, da sie vielleicht auch das Autohaus noch nie wahrgenommen haben.
    Ist also der Wahrnehmungsfilter das Problem?
    Wie stelle ich also fest, was der andere wahrnimmt und wie beeinflusse ich den Filter, wenn sogar die Orientierung im identischen Supermarkt nicht funktioniert?

    Es wäre interessant eine Trainingsmöglichkeit zu finden.

    Gruß
    Wolfram

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