Beim Büchersortieren ist mir am Wochenende ein schmales zerlesenes Büchlein in die Hände gefallen: „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman?“ – die Autobiographie des Physik-Nobelpreisträgers Richard Feynman (1996). Eine lose Sammlung mit Episoden aus seinem Leben als Physiker zur Zeit des Manhattan-Projekts, gespickt mit Anekdoten aus seiner Schulzeit und Begegnungen mit Studierenden später als Professor. Ich habe es vor gut 20 Jahren gelesen, als ich gerade angefangen hatte, Physik zu studieren.

Wie denkt ein_e Nobelpreisträger_in?

Eine Geschichte in diesem Buch hat mein Denken und meine Herangehensweise an schwierige Fragen bis heute verändert. Ich hoffe, ich erinnere mich richtig an die Details: Feynman beschreibt darin, wie er sich komplexen mathematischen Fragestellungen widmet, indem er das Problem erst einmal in Metaphern übersetzt (z.B. bunte formbare Bälle für Mengen), mit denen er dann jonglieren und experimentieren kann, bis sich ein konsistentes Bild ergibt und er das Problem gelöst hat.

Ich habe das damals gelesen, ziemlich frustriert von irgendwelchen „langweiligen“ Übungen in Theoretischer Mechanik, die sich mir nicht erschließen wollten und plötzlich war da ein ganzer Kosmos von Möglichkeiten, Ideen, Ansätzen. Dinge, die unbedingt durchgespielt werden wollten. Formeln wurden mit einem Mal zu greifbaren Gegenständen, geheimnisvolle Landschaften taten sich in meinem Kopf auf und wollten entdeckt werden. Plötzlich träumte ich sogar spannende Geschichten von diesen Formel-Metaphern und wachte morgens mit dem guten Gefühl auf, die Lösung zu kennen.

Eine Tür war aufgegangen: Der Blick in Feynmans Kopf, also das Nachvollziehen und Adaptieren der Denkweise eines echten Experten hatte mir geholfen selbst kompetenter zu werden und meine eigene Expertise auszuprägen (Hunt, 2009).

Aber was war in meinem Kopf passiert? Jane Henry (2001) beschreibt das in ihrem Buch „Creativity & Perception in Management“ ungefähr so:  Unser Gehirn besteht aus vielen Millionen Nervenzellen, die wiederum mit vielen, vielen anderen Nervenzellen in ihrer Nachbarschaft durch elektrische und chemische Prozesse verbunden sind. Ein gigantisches Netzwerk – komprimiert auf einen Raum, der nicht größer ist als die beiden eigenen Fäuste zusammen.

Dieses wunderbare Ding hat eine wesentliche Eigenschaft: Seine Plastizität. So heißt die Eigenschaft, sich ständig zu verändern und neu zu verdrahten – von der Geburt an bis ins hohe Alter. Durch die individuellen Erfahrungen prägt es sich aus – „what fires together wires together“ – und macht jeden von uns zu einem einzigartigen Wesen. So hat Claxton (1997) zum Beispiel zeigen können, dass bei jedem ganz unterschiedliche Hirnregionen aktiviert werden, obwohl man gerade dasselbe Problem löst.

Unser Verstand ist wie eine LEGO®-Kiste.

Unser Verstand funktioniert dabei so ähnlich wie LEGO®: Er merkt sich nicht ganze Objekte, sondern Teile und Elemente von Objekten. Ein Auto besteht zum Beispiel aus Linien, Farben, Ecken, Bewegungsarten. Sehen wir ein Auto, rekonstruiert das Gehirn das Objekt zu einer Wahrnehmung aus dem jeweiligen Kontext heraus und ruft dazu ab, was es zur Verfügung hat, also alles, was wir bereits gelernt haben. Unsere Sinne liefern diesem System in jeder Sekunde 11 Millionen bits an Informationen, die weiterverarbeitet werden wollen (Barden, 2013). Auch das Erinneren von Objekten wird dabei zu einem kreativen Prozess: Das, was wir seit dem tatsächlichen Geschehen erlebt haben wird automatisch in unser Netzwerk eingewoben und verändert die Erinnerung an das Geschehene möglicherweise deutlich. Vielleicht liest ja irgendjemand jetzt gleich bei Feynman nach und überprüft meine Erinnerung 😉

Forscher_innen vermuten, dass dem Unbewussten deswegen eine wesentliche Rolle zu kommt, wenn es um das Lösen von Problemen oder das Treffen von Entscheidungen geht. Berry & Broadbent haben z.B. in Simulationsübungen entdeckt, dass wir Tätigkeiten weit eher unbewusst ausüben können als das wir sie erkennen oder gar beschreiben könnten (Berry und Dienes, 1992). Wir verstehen also, wie etwas funktioniert und können es schon effizient anwenden, sind aber (noch) nicht in der Lage explizit zu sagen, wie es funktioniert. Und das geht sogar noch weiter: Bittet man uns zu früh zu sagen, wie es funktioniert, leidet unsere unbewusst bereits erworbene Fähigkeit (Claxton, 1997). Offenbar braucht unser Verstand Zeit für die Informationsverarbeitung und „Explizit-Machung“. Und so lange spielen wir eben weiter mit den Bildern in unserem Kopf.

Lebendiges Lernen statt „Explizit-Machungwerkzeug Nr. 1“

Ich glaube, dass in diesen Erkenntnissen eine Menge für lebendiges Lernen in Unternehmen zu holen ist. Die Methoden aus dem LEGO® Serious Play® oder auch Elemente aus dem guten alten Psychodrama etwa ermöglichen uns unkompliziert einen spielerischen Zugang zu komplexen Fragestellungen. Der verbesserte Logistikprozess oder die Anforderungen an das neue Produkt, die Interessen der Stakeholder oder komplizierte Entscheidungsmechanismen werden zu bunten, formbaren Kugeln, mit denen wir neue innovative Lösungen entdecken. Wir lernen als Expert_innen im Team, indem wir miteinander unsere (unbewussten) Bilder und Metaphern erkunden, Varianten durchspielen und dabei unsere eigene Kompetenz weiterentwickeln. Der hart erarbeitete Foliensatz – als „Explizit-Machungswerkzeug Nr. 1“ – kann also getrost im Beamer bleiben…

Quellen & Inspiration

  • Barden, P. (2013) Decoded: The Science Behind Why We Buy, John Wiley & Sons
  • Berry, D.C. & Dienes, Z. (1992) Implicit Learning, Lawrence Erlbaum
  • Claxton, G, Hare brain. Tortoise mind. why intelligence increases more when you think less, Fourth Estate
  • Feynman, R.P. (1996) Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman, Piper
  • Henry, J. (2001) Creativity and Perception in Management, SAGE Publications
  • Hunt, A. (2009) Pragmatisches Denken und Lernen. Refactor your Wetware!, Hanser#
  • Reich, K. (Hg.) (2003) Psychodrama. Methodenpool. In: URL: http://methodenpool.uni-koeln.de ff
  • Die Feynman Lectures – eine wirklich legendäre Vorlesungsreihe! Es lohnt sich auch nach „Feynman“ in Youtube zu suchen

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (26. März 2014) – Version 1.1.

Foto: © naypong – Fotolia.com

3 Comments

  • Hallo,
    ich bin selbst Physiker und werde mir das Buch von Feynman besorgen und studieren.
    Aber folgendes ist mir durch den Kopf gegangen:
    – ist diese Herangehensweise, diese Form Strukturen zu erkennen , wirklich von jedem Erlernbar?
    – kann die Lego Methode dabei helfen, eine solche Denkweise zu erlernen oder „nur“ frei zu legen?

    Würde mich über eine Diskussion freuen.

    Wolfram

    • Gute Fragen 🙂

      Die Methoden aus dem  LEGO® Serious Play® (oder dem Psychodrama) nutzen im Prinzip aus, dass die meisten Menschen in Geschichten, Metaphern, inneren Landschaften, Bildern oder Symbolen denken und es ihnen auch sehr leicht fällt, Dinge in ihrer Umgebung Sinn und Bedeutung zu verleihen. Es ist leichter einen komplexen Gedanken mit Lego auf den Tisch zu stellen (dauert ca. 5 Minuten) als denselben Gedanken – mit all seinen Facetten – ohne das Lego-Modell sprachlich/textlich wiederzugeben (kann Tage dauern). Es ist auch leichter Varianten des Gedankens anhand von Modellen, die ich anfassen kann, durchzuspielen als alle Varianten im Kopf zu durchdenken und zu vergleichen – insbesondere dann, wenn ich nicht allein denke, sondern meine Ideen mit denen anderer zusammenbringen möchte oder muss. Das ist also im Grunde nichts, was ich erlernen müsste, das ist einfach das was unser Gehirn „sowieso“ tut.

      Spannend wird es jetzt bei der Frage, ob mir bewusst ist, dass mein Gehirn so tickt, wenn es lernt und denkt und ob ich mir dieses Bewusstsein wirklich zu nutze mache, wenn ich mir einen komplexen Sachverhalt erschließe, der mich interessiert und an dem ich nicht weiterkomme.

      Und da kommt mein Erlebnis aus dem Blog ins Spiel: Ich war zwar fähig so denken, aber trotzdem noch nicht auf die Idee gekommen, die Herangehensweise auf das anzuwenden, was mich interessiert hat. Erst die geliehene Herangehensweise des Experten, das „Mich-in-ihn-Hineinversetzen“ hat mich auf die Idee gebracht.

      Also meine Antwort ist: Ja, ich glaube es ist erlernbar, wenn es eine echte Lernmotivation gibt (… ich wollte den Schein in Theoretischer Mechanik wirklich haben…) und eine Expertin oder ein Experte dabei hilft, die Brücke zur Anwendung zu bauen, ich also wirklich nachahmen kann und Vertrauen in den habe, den ich da nachahme.

      Die Methoden aus dem LEGO® Serious Play® können dabei natürlich in beiden Fällen unterstützen. Sie können helfen, eine andere Denkweise zu erlernen, weil ich über die Modelle einen sehr leichten Zugang zu der Bild- und Spielwelt einer anderen Person bekomme und auch erleben kann, was gleichzeitig in deren Denkprozess stattfindet und welche Elemente verknüpft sind. Und sie kann mir helfen, meine eigene Denk- und Herangehensweise zu entdecken und dabei – z.B. durch Rückmeldungen von außen – zu entdecken, wo mögliche Lücken oder Haken sind, die mir den Blick auf mögliche Lösungen (oder Handlungen) verstellen.

      Mich würde auch interessieren, ob hinter der Frage ein konkretes Thema steckt: Um welches „Strukturen erkennen“ geht es denn genau?

      Learn 0n 😉
      Julia

  • Danke für die ausführliche Antwort.

    Die Frage zielte etwas auf meine Tochter. Sie hat enorme Probleme Formeln oder mathematische Operationen im Kopf zu berechnen oder sich vorzustellen. Das ganze hat bei ihr keinen Zusammenhalt, eben keine Struktur. Genauso ist es auch mir der Orientierung, zum Beispiel in der Stadt oder in einem Supermarkt. Mir fällt es schwer das nach zu vollziehen und daher ihr zu vermitteln wie sie das verbessern kann.

    Kann ich also diese Form des Denkens, das Bilden von Metaphern, vermitteln und eben wie. Somit muss ich das Buch jetzt endlich lesen und einen Versuch wagen.

    Bis dann

    Wolfram

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