Heute laden wir Sie ein zu einer spannenden Lernreise: Unsere Gastbloggerin und Workshopteilnehmerin Kerstin Wehner berichtet von ihren Recherchen „Down Under“ und erzählt, was die Erkenntnisse der modernen Lernforschung mit dem uralten Wissen der Aborigines gemeinsam haben. Kerstin arbeitet als Führungskraft bei einem Finanzdiensleistungsunternehmen und hat eine große Leidenschaft für Graphic Recording.

Vielen Dank, Kerstin, dass Du keine Zeit und Mühe gescheut hast, uns aus Down Under so feine Ideen mitzubringen!

Eine Reise zu den Aborigines

Die Reise beginnt im Februar 2014 mit einem Kopfstand – in erster Linie geographisch gesehen: Während eines Australienaufenthaltes durfte ich im Roten Zentrum des Kontinents einem der führenden Vertreter des Volkes der Aborigines – Vincent Forrester – begegnen. Er hat uns einen Einblick ins Leben und Lernen dieses indigenen Volkes gegeben, uns um den Uluru geführt und Geschichten darüber erzählt, wie diese Stämme ihr Wissen und ihre Sicht der Welt weiter gegeben haben.

Seine in den Sand gezeichneten „Mindmaps“ zeigen die  Geschichte der fünf Aborigines-Völker in Australien und deren Routen, genannt „dreaming paths“ oder „tracking routes“:

Demnach erkennen die Aborigines die Welt als ganzheitliches Konzept, in dem alle relevanten Teile zur selben Zeit Berücksichtigung finden. Sie interagieren zwischen Spiritualität, Personen und der Umwelt. Reisen war lange Zeit „Bildungsweg“ im Wortsinne. Das Volk besitzt ein exzellentes visuelles Gedächtnis.

Die Fotos geben leider nur einen Teil der Lernerfahrung wieder: Wesentliche Dinge werden durch Singen und Tanzen zur symbolischen Darstellung im Sand ergänzt, Kernsätze  immer wieder in gleicher Intonation, gleichem Rhythmus und Klatschen tanzend wiederholt. Dann wird weiter gezeichnet. Für mich waren das eindeutig die ersten sketchnoter Australiens!

Reisen als Bildungsweg

Ein paar Monate später habe ich auf meinem eigenen „Bildungsweg“ während eines Trainings bei Learnical das AGES Modell für mich entdeckt (Davachi, Kiefer, Rock; 2010). Es beschäftigt sich mit Einflüssen, die den Lernprozess prägen und damit, wie langfristiges Lernen und Erinnern beeinflusst werden können. Vier Aspekte spielen eine Rolle – Attention, Generation, Emotions und Spacing. Und plötzlich schloss sich bei mir ein Erkenntniskreis und ich bin wohl selbst ein Beispiel für SPACING geworden – wie mein eigenes Sketchnote nach dem Training (in einer offensichtlich langen Tradition der Sketchnoter bei der Aborigines…) zeigt:

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Was hat das nun mit Aborigines zu tun?  Nun, mir sind durch AGES einige Parallelen klar geworden:

Attention – sich auf das Wesentliche konzentrieren

Die Aborigines wurden im Alter von 12 Jahren, getrennt nach Jungen und Mädchen, jeweils von der Großelterngeneration unterrichtet. Dafür versammelten sie sich am Uluru, dem roten Felsen mitten im Outback, vielen auch als Ayers Rock bekannt.

Während der Unterrichtszeit gab es keine Ablenkungen von außen, keine Eltern oder Familie. Die Lehrer und Schüler lebten in ihren Gruppen am Uluru und beschäftigten sich mit der Entstehungsgeschichte der Welt nach der Philosophie der Aborigines. Deren zentrale Werte sind die Natur, ihre Ressourcen und der verantwortungsvolle Umgang damit.
Diese Lerninhalte wurden am Ort des Geschehens – im heiligen Zentrum, am Uluru –unterrichtet. Dieser Ort vereinte alle Aspekte, die die Aborigineskultur und –werte prägen. (siehe auch der Blogbeitrag „Lernräume“ von Cordula Büchse, 25. Februar 2014)

Generation – den persönlichen Bezug finden

Beim langfristigen Lernen ist Erinnerung an die Inhalte wichtig: Je dicker das geknüpfte Netz aus Erinnerungen, umso leichter kann man das Gelernte abrufen. Es gilt also, durch vielfältige Assoziationen ein enges Netz zu knüpfen. Das gelingt am besten, indem man Lerninhalte in persönlichen Kontext bringt. Der eigene Lebensraum ‚Natur‘ und damit die Werte der Aborigines ergeben den persönlichen Bezug. Der Uluru bot ausreichende Assoziationen in der Natur und den spirituellen Geschichten („storytelling“), die den Lernenden einen persönlichen Kontext entwickeln ließen.
Gelerntes machte man sich durch Anwendung zu eigen – z.B. wurden Heilpflanzen und deren Wirkungen ausprobiert und selbst gesucht. Haptik, das beGREIFEN spielt eine große Rolle. An jeder Pflanze und an jedem Baum wird etwas gezeigt, ausprobiert, gleich intonierter Singsang fasste das wesentliche zusammen und die Bewegung verinnerlichte die Dinge viel intensiver.
Das „zurück erklären“ der Kinder an die Großeltern entspricht aus heutiger Sicht der „Teach Back Methode“ und wurde wie angewandt? Natürlich durch Singen und Tanzen in gleicher Intonation, Rhythmus und Klatschen tanzend ☺

Emotion – die soziale Komponente beim Lernen

Die Großelterngeneration unterrichtete die Enkelgeneration mit allen Sinnen und Eindrücken, die zu einer Situation gehören: Sehen, Hören, der zeitliche Aspekt (wie lange dauert etwas) und der emotionale Aspekt, die Interaktion mit anderen. Heute weiß man, dass dadurch verschiedene Neuronengruppen synchron aktiviert werden und das Netzwerk aus Gelerntem mit positiven Gefühlen und Eindrücken durchsetzt wird. Kein Lernen ohne Belohnung!
Insbesondere die Zugehörigkeit zu einer besonderen Gruppe – nämlich der, die in die Geheimnisse der Ahnen eingeführt wurde – und die daraus entstehende Autonomie der Lernenden scheinen emotionales Feuerwerk im Gehirn zu entfachen. Und wer kann denn besser Dinge zeigen und erklären, als Oma und Opa? Nachvollziehen und Adaptieren von „echten“ Experten: dadurch fühlen wir uns nicht nur  kompetenter und sondern werden auch kompetenter (siehe „Die 5 Stufen im Dreyfus-Modell“ (Hunt, 2009)).

Spacing – gut Ding will immer wieder Weile haben

Lernen ist wie essen, irgendwann ist man satt. Und es tut gut, in Ruhe zu verdauen, um anschließend mit Genuss weiter zu essen bzw. zu lernen.
Diese „mentalen Verdauungsspaziergänge“ tätigten die Aborigines dadurch, dass dieser „Bildungsweg“ der nachfolgenden Generation mehrere Wochen dauerte und in „teach back“ Momente einschloss. Heute gibt es Studien, die zeigen, dass wiederholtes Testen des Gelernten effektiver zu sein scheint, als andauerndes passives Wiederholen (Roediger & Karpicke, 2006). Auch die Zeiträume zwischen den Testpunkten werden untersucht.

So, wie ich Vincent Forrester interpretiere, haben die Aborigines durch ihre Reisen über den Kontinent und die visuell eingeprägten „Landkarten“ ein dauerhaftes Spacing ihrer Lerninhalte durchgeführt und über Generationen weiter gegeben. Symbolhafte Methodik in der Darstellung zusammen mit der ganzheitlichen Sicht der Welt, der Menschen, der Natur und Spiritualität haben dieses indigene Volk lernen lassen.

Nur Mut, tut gut!

Was habe ich aus meinen Australienerlebnissen gelernt?

  • Nutzen wir die Erfahrungen aller Generationen!
„Lernen ist Erforschen, was Du selbst weißt und kannst. Indem wir das Gelernte erproben – etwas tun – demonstrieren wir, dass wir die Inhalte kennen. Lehren wiederum bedeutet, den anderen daran erinnern, dass er es selbst weiß und kann. Wir sind alle Lernende und Lehrende zur selben Zeit (eigene Übersetzung aus Bowman (2009), Training from the back of the Room).
  • Lerne mit allen Sinnen!
Unser Gehirn arbeitet immer ganzheitlich, nutzen wir es auch so. Lasst uns mehr Geschichten erzählen und Bilder malen, Bauwerke bauen! Und: Beim Essen wie beim Lernen gilt: Danach sollst Du ruh’n oder tausend Schritte tun!
  • Lerne dort, wo Du die Dinge brauchst und anwendest, um die Idee vom „persönlichen Kontext“ zu unterstützen!

Quellen & Inspiration

  • Bowman, S L. (2009) Training from the back of the Room, Pfeiffer John Wiley & Sons
  • Beck, H. (2014) Hirnrissig. Die 20,5 größten Neuromythen – und wie unser Gehirn wirklich tickt, Hanser Verlag – hier: getAbstract excerpt
  • Davachi, L., Kiefer, T., Rock, D., Rock, L.; (2010). Learning that lasts through AGES
Neuroleadership Journal, Issue 3/2010, 53 – 63
  • Hunt, A. (2009) Pragmatisch Denken und Lernen, Hanser Verlag
  • Lieberman, M.D. (2013) SOCIAL. Why our brains are wired to connect, Oxford
  • Roth, G. (2011) Bildung braucht Persönlichkeit, Klett-Cotta Verlag

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (12. März 2015) – Version 1.1.

 

Fotos: © Kerstin Wehner