Zum Jahreswechsel hat das Internet der Dinge Einzug in meine Hosentasche gehalten. Es ist rot, rund, hat einen Durchmesser von anderthalb Zentimetern und begleitet mich auf Schritt und Tritt. Oder besser: Es zählt mich auf Schritt und Tritt.

Ich kann jetzt verfolgen, wie viel Schritte am Tag ich gehe, wie lange ich regungslos am Schreibtisch sitze, wie nahrhaft mein Essen ist, wie gut mein Schlaf wissenschaftlichen Kriterien entspricht, wie sich mein Gewicht verändert und wie gut ich gelaunt bin.

Das kleine rote Ding ist außerdem ziemlich gewieft. Es nutzt alle möglichen Belohnungsknöpfe, macht mir Vorschläge, was ich anders – also besser! – machen kann und füttert mich außerdem kontinuierlich mit Know-how rund um Fitness, positive Psychologie und Ernährung. Auch das tut es geschickt. Es analysiert meine Verhaltensmuster und wartet ab, bis ich eine bestimmte Erfahrung gemacht habe, ganz gleich, ob gut oder schlecht. Es informiert mich so in Momenten, in denen ich besonders aufnahmefähig für einen neuen Wissenshappen bin. Dabei ist es kein bisschen belehrend, sondern macht mir zwei, drei freundlich gemeinte Vorschläge und will sogar wissen, ob sie mir gefallen haben oder nicht. Es lernt also mit.

Transparenz macht hungrig

Ich beobachte meine Interaktion mit diesem kleinen Ding des Internets sehr genau und spüre, wie mächtig schon allein dieser kleine Miniaturausschnitt der neuen Welt 4.0 wirkt. Die Transparenz macht mich hungrig und mein Naturwissenschaftler_innen-Hirn fängt an auszutüfteln, was ich noch alles messen und tracken könnte.

Weiß es wirklich vor mir, was ich will?

Und während ich so im Kopf vor mich hinbastle, läuft mir ein leichter Grusel über den Rücken: Das Internet der Dinge. Es weiß wirklich, wo ich gerade bin. Was ich gerade esse. Wann ich schlafe. Was ich gerade tue. Wofür ich mich interessiere. Welche Reise ich gerade plane. Wie ich aussehe. Mit wem ich vernetzt bin. Wie viel Geld ich verdiene. Was ich als nächstes wissen will. Es sieht mich voraus. Vielleicht bestellt es gerade schon ein Buch über Deep Learning für mich…

Was ich hier erlebe, ist eine völlig neue Art der Wissensvermittlung, des Umgangs mit Informationsmedien, des Einübens neuer Verhaltensmuster: Es dreht die Kette der Erkenntnis einfach um.

Früher habe ich bewusst über eine Verhaltensänderung nachgedacht, dazu vielleicht das Wissen anderer genutzt und dann versucht, einen guten Vorsatz in die Tat um zusetzen: „Julia, Du bewegst Dich zu wenig (bewusstes Nachdenken). Schau‘ mal in der Zeitung steht, dass das ungesund ist und Du jeden Tag 8.000 Schritte gehen solltest. (das Wissen anderer nutzen). Du solltest wirklich jeden Tag eine Stunde spazierengehen (guter Vorsatz).“ Mit mäßigem Erfolg.

Unbewusste Veränderung

Mit dem Internet der Dinge in der Tasche läuft das anders. Es nutzt mein unbewusstes Verhalten aus und bestätigt meinen Vorsatz, wenn ich ihn erfolgreich umsetze durch das Wissen anderer, um dieses Verhalten noch weiter zu verstärken: „Julia, Du willst jeden Tag 8.000 Schritte gehen. Okay, fang einfach mal an überhaupt zu gehen.“… „Whao, guck‘ mal, wieviel Du geschafft hast (Vorsatz umgesetzt) Offenbar läufst Du mittwochs gern weit (unbewusstes Verhalten). Das ist gut! Nutze das aus! Menschen, die mittwochs gern laufen sind übrigens besonders schlau (…okay, das habe ich mir selbst ausgedacht…) (Wissen anderer)!“ Mit 8.000 Schritten am Tag – seit einem Monat…

Das Faszinierende ist dieser Wechsel weg vom bewussten Lernen und schwerfälligen Einüben neuer Verhaltensweisen hin zum unbewussten Lernen und leichtgängigem Verstärken bereits vorhandener Verhaltensmuster – mithilfe einer Maschine, die nicht größer ist als ein Knopf.

Mich interessiert, welche Erfahrungen Ihr mit dem Internet der Dinge macht und wo Ihr neue Möglichkeiten entdeckt: Welche beruflichen Kompetenzen werden wichtig? Schreibt hier gern einen Kommentar dazu oder diskutiert mit mir auf twitter: #lciot

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (27. Januar 2016) – Version 1.1.

2 Comments

  • Mich würde interessieren was für ein Gerät Sie genau haben:) Ich habe zwar praktisch gar keine eigene Erfahrung mit IoT, aber Ihr Artikel hat mich auf dieses „kleine rote Ding“ neugierig gemacht, und ich würde es gerne selbst ausprobieren.

    • Erfahrung mit dem IoT brauchen Sie dafür zum Glück auch nicht 😉 Ich möchte hier keine Werbung für Produkte machen, aber „Fitness Tracker mit Clip“ führt in der Suchmaschine der Wahl zu guten Ergebnissen. Viel Spaß beim Schritte zählen!

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